Hierbei handelt es sich um eine eigens angefertigte, studentische Arbeit. Da diese Themen durchaus interessant und streitbar sind, habe ich diese hochgeladen. Ich empfehle die wörtliche Kopie nicht. Im Rahmen der Prüfungsordnung musste eine digitale Version dieses dokumentes dem “Turn it in” Programm vorgelegt werden. Daher ist eine wörtliche Kopie als eine solche nachvollziehbar.
Inhalt
1. Einführung 3
2. Entwicklungspolitik und Gender 4
2.1. Geschichte entwicklungspolitischer Zusammenarbeit 4
2.2. Gender und Genderbedürfnisse 4
2.3. Genderbegriff der UN 5
2.4. Genderbegriff der SWISSAID 6
2.5. Genderbegriff der NANGOF 6
4. Die Projekte 6
4.1. Das SWISSAID Projekt – Mikrokredit in Daressalam, Tansania 6
4.1.1 Auswirkungen 8
4.2. Das NANGOF Projekt -Basic Income Grant in Otjivero, Namibia 9
4.2.1. Auswirkungen 10
4.3. Gegenüberstellung der Projekte 11
5. Zusammenfassende Ergebnisse 12
6. Literaturverzeichnis 14
Online Publikationen 14
1. Einführung
Im Rahmen dieser Arbeit werden zwei Entwicklungs-Projekte gegenübergestellt und auf mögliche Auswirkungen auf Gender untersucht. Einerseits steht hierbei das Experiment des Bedingungslosen Grundeinkommens in dem namibischen Dorf Otjivero, andererseits das im tansanischen Daressalam verwirklichte Mikro-Kredit Konzept im Fokus der Beobachtung.
Diese Auswahl birgt einige Schwierigkeiten. Daressalam ist mit über 2,5 Millionen Einwohnern die größte Stadt in Tansania. Die Stadtgeschichte von Daressalam lässt sich bis ca. 30 v. Chr. nachverfolgen. Das rapide Wachstum der heutigen Hauptstadt begann jedoch erst im 19 Jahrhundert. Seit 1988 hat sich die Einwohneranzahl verdoppelt.
Dahingegen ist Otjivero ein kleines, junges Dorf mit ca. 1400 Einwohnern. Die Bevölkerung ist zufällig zusammengesetzt. Viele Einwohner sind Flüchtlinge der umliegenden Farmen und Plantagen und die meisten von ihnen arbeitslos.
Bezüglich des Projektes selbst lassen sich wesentliche innere Unterschiede feststellen. Mikrokredite richten sich an speziell ausgewählte Zielgruppen. Einwohner in Otjivero konnten sich lediglich aufgrund ihres Einwohnerstatus und unabhängig von anderen Faktoren für das BIG registrieren.
Auch im Hinblick auf das Projekt selbst sind unterschiedliche Ansätze verwirklicht. Während die in Daressalam vergebenen Mikrokredite von der tansanischen Regierung Unterstützung erfahren, wird das Bedingungslose Grundeinkommen in Namibia von einer nichtstaatlichen Initiative verwirklicht. Zudem handelt es sich bei Mikrokrediten um ein etabliertes, angesehenes Konzept, wohingegen das Bedingungslose Grundeinkommen lediglich einen experimentellen Status genoss.
Aufgrund dieser Schwierigkeiten halten beide Projekte keinem Vergleich stand. Im Rahmen dieser Arbeit werden diese daher lediglich in ihren Ähnlichkeiten und Unterschieden Gegenübergestellt um das Projektziel und Ergebnis zu verdeutlichen.
Sowohl die Organisatoren der Mikrokredite, als auch die des Bedingungslosen Grundeinkommen in Namibia behaupten einen positiven Einfluss auf Genderverhältnisse. In beiden Projekten wird auf die Definition des Genderbegriffes verzichtet und unter dem Begriff Genderverhältnis werden überwiegend Mann-Frau Beziehungen erörtert. Zudem verzichten beide Initiatoren auf eine Auswertung ihrer Ergebnisse hinsichtlich der Auswirkungen auf Gender. Grundlage für die Behauptung einer Genderauswertung bilden Individualschicksale.
2. Entwicklungspolitik und Gender
2.1. Geschichte entwicklungspolitischer Zusammenarbeit
Die Geschichte der Gendersensibilisierung in Entwicklungspolitischen Zusammenhängen ist eine junge. Bei der ersten Weltfrauenkonferenz in Mexiko 1975 Stand unter den mehrheitlich westlichen Protagonist_innen die Produktivrolle der Frau und die Revision frauenspezifischer Benachteiligungen im Vordergrund der Debatten und die Forderung Interessen der Frauen sollten als „Schlüssel der Entwicklung“ fortan in bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Zusammenhängen mehr Bedeutung erlangen. Das Konzept Woman in Development(WID) erhielt seither immer mehr Bedeutung in den entwicklungspolitischen Institutionen. Dennoch stand das WID seit Bestehen in heftiger Kritik, besonders von Akteur_innen aus den Entwicklungsregionen selbst, da es eine neue Klasse der „3. Welt Frau“ und so Hierarchien unter den Frauen selbst schüfe. (Maral-Hanak, S.182)
Aus der Ablehnung des WID entstand 1985 das Development Alternatives for Women for a New Era (DAWN). Erstmalig erlangte Gender als Begriff entwicklungspolitische Relevanz. Im Rahmen der theoretischen Debatte entwickelten sich fortan unterschiedliche Strömungen. So sollte Gender and Development (GAD) das kritisierte WID ablösen. Parallel hierzu stellte Gender Macroeconomics Genderverhältnisse erstmalig in makroökonomische Zusammenhänge, während im Empowerment-Anstatz Frauen im Alltag und Berufsleben gestärkt werden sollten. In den folgenden Jahren bis heute erlangten Genderbeziehungen die Aufmerksamkeit von staatlichen, nichtstaatlichen und privatwirtschaftlichen entwicklungspolitischen Akteur_innen. Im Rahmen all dieser Debatten erhielt Armut ein Geschlecht, denn so viele unterschiedliche Ansätze auch verfolgt wurden, einig waren sich die Protagonist_innen darüber, dass Armut weiblich ist. Denn Frauen seien es, die unter der Wasser- und Nahrungsknappheit Familien ernähren sollten und mehr als Männer die Folgen von Kriegen zu spüren bekämen.
Erst seit ca. 2000 erlebt diese feminisierte Debatte durch das Populärwerden von Diversity- und Queer-Gender Ansätzen einen Bruch. Es stellt sich uns die Frage inwieweit diese bipolare Sichtweise gerechtfertigt ist.
2.2. Gender und Genderbedürfnisse
Als Gender, oder Geschlechtsidentität (Butler, S.15) wird der sozio-kulturell geprägte Bereich männlicher und weiblicher Rollen und Rollenzuweisungen bezeichnet. Diese differenzierte Betrachtungsweise, ermöglicht die Analyse komplexer gesellschaftlicher Beziehungen die nicht auf das Geschlecht selbst zurückzuführen sind, sondern auf dessen soziokulturelle Konstruktion.
Gender bewegen sich auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Entwicklung eines Genderbewusstsein zum einen Teil ein individueller Prozess ist. Verschiedene Gender decken Bedürfnisse in Bezug auf ihre individuelle, akzeptierte Rolle innerhalb der Gesellschaft. Im Rahmen praktischer Genderinteressen stehen daher die innerhalb der Gesellschaft akzeptierten Genderrollen und daraus resultierende Genderbedürfnisse und ihre Wechselwirkungen mit gesellschaftlichen und politischen Mechanismen im Fokus der Beobachtung.
Die Betrachtung und Planung kollektiver Entwicklung von Gender findet auf der Ebene strategischer Genderinteressen statt.
Bei Ansätzen, die auf praktische Genderinteressen abzielen, wird beispielsweise die Situation von Frauen in ihren Haushalten verbessert. Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, wird dabei nicht in Frage gestellt. Strategische Genderinteressen unterliegen einer Analyse hierarchischer Unterdrückungsmuster und bezwecken die Überwindung dieser. (Braig, S. 114)
Aufbauend auf diese Differenzierung von Genderinteressen unterscheidet Moser zwischen Gender-Planung, die Machtbeziehungen thematisiert, und Gender bewusster Planung, die an praktischen Problemen ansetzt. (Braig, S. 115)
2.3. Genderbegriff der UN
In Ihrer Milleniumserklärung definieren die Vereinten Nationen einen engen Gender Begriff. Als Genderbedürfnisse werden
„…die Gleichstellung der Geschlechter und die Ermächtigung der Frau als wirksame Mittel zur Bekämpfung von Armut, Hunger und Krankheit zu fördern und eine wirklich nachhaltige Entwicklung herbeizuführen“(UN, S 13)
bezeichnet. Hier wird auf die Trennung und konsequente Analyse strategischer und praktischer Genderinteressen verzichtet und diese unterschiedlichen Aspekte miteinander vermischt. Die Gleichstellung der Geschlechter bedürfte einer umfassenden Analyse der Machtverhältnisse, welche an keiner Stelle der Erklärung vorgenommen wird. Zudem werden Frauen erneut als Schlüssel der Entwicklungspolitik zur Verwirklichung der Interessen von Geber-Ländern instrumentalisiert und dieser Ansatz als Ermächtigung, oder Empowerment vermarktet. So ist die Gleichstellung der Geschlechter mit den diversen, in der Milleniumserklärung definierten Ziele kein Selbstzweck. Zudem ist sie für die Vereinten Nationen keine Notwendigkeit – rein aus gesellschaftlichen Hierarchien – sondern an allgemeine entwicklungspolitische Ziele geknüpft. Als einziger Maßstab für entwicklungspolitische Maßnahmen wird folglich der Rahmen der Kriegs- und Armutsbekämpfung als Empowerment gesetzt.
2.4. Genderbegriff der SWISSAID
Etwas differenzierter ist die Definition der Mikrokreditgeberin, SWISSAID. In deren „Grundsatzpapier Gender“ heißt es
„Menschen werden weiblich oder männlich geboren. Die Entwicklung zum Mädchen oder Jungen und schließlich zur Frau oder zum Mann wird jedoch erlernt. Es wird ihnen beigebracht, wie sie sich zu benehmen haben und welche Rollen, Meinungen und Aktivitäten zu ihnen passen. Es ist dieses erlernte Verhalten, das Gender-Rollen festlegt. …Gleichstellung der Geschlechter steht für die Gleichbehandlung von Frauen und Männern“ (SWISSAID)
Hier wird auf die kulturelle Entwicklung von Gender Bezug genommen und hieraus die Notwendigkeit der Verfolgung strategischer Genderbedürfnisse durch die Gleichbehandlung von Männern und Frauen behauptet. In dieser Gleichstellungsanalyse wird ebenfalls keine Trennung zwischen praktischen und strategischen Interessen vorgenommen. Gleichstellung erfüllt hier jedoch im Gegensatz zum UN-Ansatz einen Selbstzweck.
In beiden Definitionen liegt zudem ein bipolares Denkmuster zugrunde, was nicht dem heutigen Diskussionsstand biologistischer oder theoretischer Genderansätze entspricht. Es ist fraglich inwieweit das anatomische Geschlecht als rein weiblich oder männlich bezeichnet werden kann. (Butler, S. 22) Weiterhin ist auffallend, dass die Gender Definition bei beiden Entwicklungspolitische Akteuren zwischen den Zeilen stattfindet.
2.5. Genderbegriff der NANGOF
Die NANGOF selbst verzichtet auf eine Genderdefinition. Auch die Hauptprotagonisten Haarmann räumen Gender lediglich eine von vielen Ebenen der Armut ein (vgl. Haarmann, S. 43). In der Auswertung der NANGOF findet sich jedoch ein impliziter Anknüpfungspunkt für eine Genderdefinition. So werden in den verschiedenen Einzelfallberichten verschiedene Situationen geschildert, die die Bearbeitung anhand strategischer und praktischer Genderinteressen ermöglichen.
4. Die Projekte
4.1. Das SWISSAID Projekt – Mikrokredit in Daressalam, Tansania
Der SWISSAID-Mikrokredit in Daressalam richtet sich an Frauen in Kleinen und mittleren Unternehmen. So finden sich unter den Kreditnehmerinnen verschiedene Branchen: Von Handwerk, wie Bäckereien, bis hin zu Dienstleistungen, wie Kioske oder Friseursalons.
Das Beispiel der Abbildung 1 berechnet die Kosten bis zur Kreditaufnahme und Rückzahlung bei einem Kredit von 100 000 Tsh. in der Rückzahlungsrate sind die Kreditzinsen bereits berücksichtigt. Die Zinssätze der von SWISSAID vergebenden Kredite variieren zwischen 18-30%.

Bei der Beantragung ist der Kreditvergabestelle ein Businessplan vorzulegen. Zur Sachbearbeitung sind die entsprechenden Bearbeitungs- und Anwaltskosten, sowie ein prozentual nach Höhe des beantragten Kredites berechneter jährlicher Mitgliedsbeitrag zu entrichten. Wird ein Businessplan abgelehnt, waren die von der Kreditnehmerin entrichteten Zahlungen vergebens und werden nicht erstattet. Sie hat jedoch die Möglichkeit noch im selben Jahr unter Berücksichtigung der Ablehnungsgründe einen neuen Businessplan vorzulegen ohne erneut den Mitgliedsbeitrag zu entrichten.
Wird der sachgebundene Kredit gewährt, erhält die Kreditnehmerin einen Vertrag und einen kostenpflichtigen Pass, in dem fortan alle ihre Informationen rund um den Kredit dokumentiert werden.
Der Vertrag bindet die Kreditnehmerinnen an die Entwicklungspolitischen Ziele der SWISSAID und enthält einen Ausgabecodex. So sollen neben zielgerichteten Ausgaben ausschließlich für die im Businessplan erwähnten Investitionen monatlich Ersparnisse erwirtschaftet werden. Businessplan ferne Ausgaben, wie beispielsweise Unterhaltskosten der Familie werden explizit ausgeschlossen.
Immer fünf Kreditnehmerinnen werden dann zu einer Bürgungsgruppe zusammengefasst. Jeweils fünf Kleingruppen bilden die Großgruppe. Die Teilnehmerinnen der kleinen Gruppe bürgen jeweils füreinander und verpflichten sich zu regelmäßigen, wöchentlichen Treffen. Ziel dieser Treffen sind zum einen die Erfahrungen und Probleme untereinander auszutauschen, frühzeitig über Interventionsstrategien bei Gefahren zu beraten, aber auch die Rückzahlung der wöchentlichen Raten sicherzustellen. Zudem werden die Ausgaben der Einzelnen stets auf ihre wirtschaftliche Effizienz untersucht und bei Verstößen gegen die Kreditauflagen die jeweiligen Kreditnehmerinnen belehrt. Haben alle Kreditnehmerinnen ihren jeweiligen Kredit zurückgezahlt, so erhält die erste Kreditnehmerin Anspruch auf einen Folgekredit.
4.1.1 Auswirkungen
Nicht nur das auf den Einzelnen lastende materielle Risiko für die Beantragung des Kredites und die hohen Rückzahlungszinsen stellen ein großes Problem dar. Die Kosten für die Beantragung werden nicht selten am Familienunterhalt und notwendigen Investitionen für die Unternehmung abgespart, Schwächen so die Ausgangslage und manifestieren die wirtschaftliche und familiäre Situation der Unternehmerin (Diallo, S. 57). Der erste Kredit ist in seiner Höhe nicht ausreichend einen deutlichen Aufschwung der Unternehmung zu erwirken, zudem ist die erste Rückzahlungsrate bereits eine Woche nach Erhalt des Kredites fällig. Ein beachtlicher Erfolg kann somit nur durch erneute Kreditaufnahme erwirkt werden, was die Hohen Kosten des Kredites ungerechtfertigt erscheinen lässt.
Zudem schafft die Organisierung der Mikrokredite neue Beziehungen der Frauen untereinander. So stehen die Einzelnen in Ihrer Position als Unternehmerin nicht nur in ihrer Familie unter Druck, da diese nicht zuletzt die Rückzahlungsraten bewerkstelligen soll, sondern zudem unter dem sozialen Druck der Bürgschaftsgruppe. Ein Verstoß gegen Kreditauflagen kann zu einem Ausschluss aus der Gruppe führen. So werden unter Bedürftigen selbst neue Täter und Opfer konstruiert (Vgl. Diallo, S. 57).
Zwar kann die Aufnahme eines Mikrokredites zu einem höheren sozialen Status führen, da man als Unternehmerin als erfolgreich eingestuft wurde, so ist dieses Ansehen auch für viele Frauen ein Problem. Zum einen werden einige von ihnen von ihren Männern zur Aufnahme eines Kredites gedrängt und so eine Druckkullisse zwischen guter (Ehe-)frau – mit Anspruch auf einen Mikrokredit – und schlechter (Ehe-)frau – die die harten Auflagen nicht erfüllt – aufgebaut. Ebenfalls im Zusammenhang mit dem Status einer Kreditnehmerin steht die erhöhte Nachfrage nach Hilfe unter Verwandten und Kunden. Denn schnell verbreitet sich, wie kleine Ausbauten finanziert wurden und Bittstellerinnen erhoffen sich von der Mikrokreditnehmerin ein privates Darlehen.
Zudem stellen die erwirtschafteten Ersparnisse für viele Frauen ein Hohes Risiko dar, da der Mikrokredit die Ausgangslage der Frauen in Ihrer Familie selbst nur dahingehend zu verändern vermag, dass sie unabhängiger vom Einkommen ihres Mannes werden. Das Risiko, dass die Männer über den Mikrokredit selbst, oder aber die erwirtschafteten Ersparnisse verfügen wird von den Kreditnehmerinnen sehr hoch eingestuft (Diallo, S. 57).
Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele Frauen, gegen die strengen Auflagen verstoßen, indem sie beispielsweise die medizinische Versorgung ihrer Kinder bewerkstelligen und ihre Rückzahlungsrate zu einem bestimmten Termin nicht in voller Höhe erbringen, oder aber den Gewinn der Unternehmung nicht profitabel investieren können um die Raten und Zinsen zu erwirtschaften.
4.2. Das NANGOF Projekt -Basic Income Grant in Otjivero, Namibia
Um das Projekt des Basic Income Grant (BIG) in Namibia vorzustellen, ist es zunächst notwendig kurz von den in Deutschland vorherrschenden Diskussionen Abstand zu nehmen. In Otjivero selbst lebt jeder Mensch unterhalb des Existenzminimums von dieser Seite her betrachtet, schließt ein Bedingungsloses Grundeinkommen eine Bedarfsorientiertheit nicht aus. Diese Kontroverse ist jedoch der Streitpunkt inländischer Diskussionen um welche herum Modelle entworfen werden. Zudem ist das namibische BIG mit ca. 10 US$ lediglich eine Unterstützung und keinesfalls existenzsichernd.
Der Erhalt des BIG stand jede_r/m in Otjivero gemeldete_r/n erwachsenen Bürger_in zu, der_die keine staatliche Rente erhält. Bei der Registrierung erhielt jeder Bürger ein Konto und ein wandernder Geldautomat stellte die monatliche Auszahlung sicher. Der Erhalt war nicht von Auflagen abhängend. Die Bürger_innen selbst konnten entscheiden, ob sie das Geld profitabel investieren, oder damit alltäglich Ausgaben sicherstellen.
Durch seine Entstehungsgeschichte waren die sozialen Strukturen in Otjivero durchwachsen und es gab wenig soziales Miteinander. Nach Einführung des BIG bildete sich eine Koalition aus Empfänger_innen, die fortan individuelle Strategien zum Einsatz der monatlichen Zahlung sammelten und als Initiative versucht waren, politische Entscheidungen zu beeinflussen (Vgl. NANGOF, S. 13)
Die Ergebnisse der Berichte sind durchaus positiv. So wurde von den medizinischen Verantwortlichen von einer besseren Ernährung der Einwohner_innen und einer steigenden Inanspruchnahme von AIDS Behandlung von Erkrankten (NANGOF, S. 39) festgestellt. Auch in der Schulbildung zeigte sich ein positiver Impuls, die Kinder waren durch die bessere Ernährung konzentrierter und die Schulgebühren wurden seither in 90% der Fälle bezahlt (NANGOF, S. 60f). Einzelfallberichte suggerieren die Abnahme von Prostitution (Vgl. NANGOF, S. 89). Aber auch die örtlichen Polizeibehörden bestätigen den positiven Einfluss des BIG auf die Kriminalität. So seien Mund und Vieh Raub um Otjivero spürbar gesunken. Einige BIG Empfänger_innen nutzten die monatliche Sonderzahlung um ein eigenes kleines Unternehmen aufzubauen und die Arbeitslosigkeit sank. Während im November 2007 lediglich 36% der Einwohner_innen einer erwerbstätig waren, waren es ein Jahr später 55%, da sich viele nun die Fahrtkosten in die nächstgrößere Stadt leisten konnten (NANGOF, S. 71).
Selbstverständlich birgt auch der Erhalt des BIG Probleme. So sind vermehrt Verwandte und Bekannte der Empfänger_innen angereist, um von den Sonderzahlungen zu profitieren. Diese Situation stellte viele vor die schwierige Aufgabe die Bitten nach einem Privatdarlehen abzulehnen. Im Rahmen der BIG-Coalition wurden daraufhin anhand eines Regelwerkes Strategien entwickelt. So konnten die Empfängerinnen Bittstellerinnen auf die Grundsätze der BIG-Coalition verweisen, die ausschließlich individuelle Ausgaben und Investitionen der Empfängerinnen in Otjivero als Verwendungszweck vereinbarte.
Weiterhin kann kaum nachvollzogen werden, ob die Zahlungen tatsächlich dem Individuum zur Verfügung stehen. Die Zahlungstermine sind transparent und bei bestehenden Familienstrukturen werden nur wenige selbst über ihre Auszahlung verfügen können. In diesem Fall verfehlt das BIG eine mögliche emanzipatorische Wirkung vollständig.
Die flächendeckende Einführung des BIG nach Vorbild von Otjivero im gesamten Namibia würde 2-3% des BIP ausmachen (Haarmann, S. 43ff). Dennoch ist es nicht wahrscheinlich, dass das Projekt einen offiziellen Regierungsstatus erhält.
4.2.1. Auswirkungen
Die BIG-Coalition hebt in ihren Berichten den positiven Einfluss des BIG auf Gender hervor. Es verbessere die Ausgangslage von Frauen innerhalb und außerhalb der Familie (Vgl. Haarmann, S. 26). Die Einzelnen berichten dass sie sich bestärkt und selbstbewusster fühlen. Durch die lokale BIG-Coalition bildete das Dorf zudem ein Forum für einen strategischen Austausch. So konnten die Einzelnen Einfluss auf ihre direkte Nachbarschaft legen und erfahren ein soziales Miteinander. Nicht nur die vielschichtigen Aspekte der Frauen, sondern auch Problemstellungen von Homosexuellen wurden thematisiert (NANGOF S. 32). Es findet also sowohl ein Austausch über praktische aber auch in geringem Maße strategische Genderinteressen statt. Obwohl NANGOF als überwiegend kirchliche, externe Organisation außerhalb allgemeiner entwicklungspolitischer Ziele keine speziellen Strategien zu verfolgen scheint (Vgl. Haarmann, S. 43), bildeten sich im Rahmen der BIG-Coalition eine interne Instanz, die gewillt war dieses Projekt nachträglich inhaltlich zu fundieren. Dennoch ist diese Tatsache zufällig und es liegt keine Gender-Planung oder spezifische Gender Analyse zugrunde. So wie es der experimentelle Projektstatus vermuten lässt haben sich alle Vor- und Nachteile rein zufällig entwickelt.
4.3. Gegenüberstellung der Projekte
Wagt man eine Gegenüberstellung der SWISSAID Mikrokredite und des BIG, so lässt sich in Bezug auf die Auswirkung auf Gender ein deutlicher Unterschied erkennen. Die Mikrokredite stellen für die Kreditnehmerinnen ein Hohes finanzielles Risiko dar und binden per Vertrag an den Ausgabencodex der SWISSAID, der bei wöchentlichen Treffen immer wieder thematisiert und anhand dessen der Erfolg der Einzelnen geprüft wird. Im Vordergrund scheinen hier nicht die Gleichstellungspolitischen Ziele zu stehen, sondern wirtschaftspädagogische. Auf Grundlage der „guten Rückzahlungsmoral“ (vgl. Diallo, S.16) von Frauen wurden diese als Zielgruppe für Mikrokredite ausgewählt und lernen anhand dieser profitabel zu Investieren und zu Sparen. Ihre individuelle familiäre Situation spielt lediglich eine beiläufige Rolle, eine Auswirkung der jeweiligen Veränderungen findet fast ausschließlich an individuellen Erfolgsberichten statt und wird sogleich als Werbung für Mikrokredite verwendet. Die vielen Misserfolge finden in den Studien der Initiatoren kaum Beachtung. Auf eine umfassende Genderanalyse wird verzichtet.
Das BIG hingegen schafft keine externe Verpflichtung. Die Einzelnen entscheiden selbst, wie das Geld zu verwenden ist. Dennoch ist auch hier eine westliche Einflussnahme zu spüren. Zum einen liegt diese im Laborcharakter des Projektes, zum anderen in der Höhe des BIG. So drängt sich bei der Projektlektüre die Vermutung auf, dass die positiven Ergebnisse rein zufällig und in keiner Weise geplant waren. Es war ein Versuch. In der Zwischenzeit ist das Projekt in Otjivero abgeschlossen und wird trotz des hohen Engagements der Einwohner_innen nicht weiter verfolgt. Es ist gut vorstellbar, dass sich die Situation nur bei wenigen Einwohner_innen langfristig verbessert hat, da die Höhe der erhaltenen Zahlung zumeist für alltägliche Ausgaben verwendet wurde.
Doch zeichnet sich das BIG in Bezug auf Gender in einem wesentlichen Punkt aus. Obwohl dem Projekt keine Analyse der Geschlechterrollen und möglicher Auswirkungen auf Gender voranging, so fand diese durch die BIG-Coalition und folgend durch NANGOF statt. Es herrschte ein Austausch darüber, wie die Situation von Frauen, aber auch Homosexuellen in der Dorfgemeinschaft verbessert werden könnte und Gleichstellung stellte für die Einwohnerinnen eine Selbstverständlichkeit dar (Vgl. NANGOF, S.32).
5. Zusammenfassende Ergebnisse
Bei der Beschäftigung mit entwicklungspolitischen Ansätzen in Bezug auf Gender lassen sich drei deutliche Schwachstellen erkennen. Zunächst werden Gender und Empowerment in der institutionalisierten Entwicklungspolitik zumeist als Nebenprodukt allgemeiner Ziele, wie Wirtschaftserziehung, Friedenssicherung und Armutsbekämpfung verstanden. Dies steht im Konflikt mit strategischen, aber auch praktischen Genderinteressen. Das Beispiel der Mikrokredite lässt befürchten, dass ökonomische Abhängigkeiten der Einzelnen benutzt werden, um ein dem marktwirtschaftlichen System genügendes Verhalten der Wirtschaftssubjekte zu erzielen. Desweiteren fehlt es an einer Trennung zwischen praktischen und strategischen Genderbedürfnissen. Wo sich beide Elemente treffen, liegt die Konzentration im Bereich praktischer Genderinteressen. Zuletzt jedoch ist es ein externer Genderbegriff und ein externes Gender-Planning, das auf die Einzelnen zu übertragen versucht wird. Dies manifestiert die längst verloren geglaubte „dritte Welt Frau“.
Perspektivisch lässt sich lediglich an der Kritik des DAWN anknüpfen und die Forderung nach stärkerer Beteiligung der Betroffenen aus den Entwicklungsregionen selbst an den institutionalisierten, entwicklungspolitischen Debatten anknüpfen. Denn eine Gender-Planung und Planning Gender erfordert ein hohes Maß an Partizipation. Diese würde jedoch voraussetzen, dass auch die Besetzung und die Lokalisation der Hauptsitze verschiedener Regierungsorganisationen und NGOs neu bedacht werden müssen. Denn mehr als 85% der entwicklungspolitischen Akteure haben ihren Sitz außerhalb der sogenannten dritten Welt und die Entscheider sind zumeist männlich.
6. Literaturverzeichnis
Braig: Marianne Braig, Fraueninteressen in Entwicklungstheorie und -politik, 1999 in
Reinold E. Thiel (Hg.), Neue Ansätze zur Entwicklungstheorie. Deutsche Stiftung für internationale Entwicklung (DSE). Informationszentrum Entwicklungspolitik (IZEP). Bonn: DSE/IZEP 2. Aufl. 2001. S. 110-120.
Butler: Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main,
1. Auflage, 2003
Diallo: Yvonne Diallo-Sahli, Mikrokredite und Genderverhältnisse: Bei Klein-
unternehmerinnen hervorgerufene Veränderungen, Lizentiatsarbeit eingereicht an der
Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Bern, Carouge, 2003
Haarmann: Claudia und Dirk Haarmann, The Basic Income Grant in Namibia Resource Book.
Desk for Social Development (DfSD) of the Evangelical Lutheran Church in the Republic of Namibia (ELCRN), Windhoek, June 2005
Maral-Hanak: Irmi Maral-Hanak, Feministische Entwicklungstheorie. In K. Fischer u. a.,
(Hg.), Entwicklung und Unterentwicklung. Mandelbaum-Verlag, Wien, 2007
NANGOF: Namibia NGO Forum, Towards a Basic Income Grant for All, Assesment Report,
Desk for Social Development (DfSD) and the Labour Resource and Research Institute
(LaRRI), 2008
UN: Generalversammlung der Vereinten Nationen, Milleniumserklärung der Vereinten Nationen.
New York, 2000
Online Publikationen
SWISSAID: SWISSAID, Grundsatzpapier Gender, 2003. Bezogen über die Homepage
SWISSAID Homepage verfügbar über URL:
http://www.swissaid.ch/global/PDF/entwicklungspolitik/gender/genderpolicy_d.pdf
(31.3.2011)