Sneaks und Kettenmails – die humorlose politische Korrektness

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Ich war im Kino. Spontan. Eine Bekannte hatte Freikarten besorgt und so einem geschenkten Gaul, schaut man nicht ins Maul. Ich habe mich gefreut, auch wenn es das Cinemaxx war. Da macht man bei Freikarten ein Auge zu, oer auch zwei. Schwierig, wenn man einen Film schauen möchte. Nun sind wir also los ins Kino. Die Deutsche Antwort auf Hangover sollte es werden. Hangover habe ich nicht geschaut, ist ja nicht mein Genre.
Das Hochzeitsvideo auch nicht, wie sich später herausstellte, aber ich habe ja auch schon son Dreck wie Bierfest geschaut, was dem selben Schema entspricht.
Es war eine exklusive Marketingvorschau um zu guggen, was so passiert, mit denen, die den Film schauen.
Ich will also tun, wonach sie gieren, die Produzenten und brauche nur einen Satz dazu: Eine flache Aneinanderreihung von Stereotypen, über welche ich nicht lachen kann; Rassismen, Sexismen, Klassismen und das 1,5h lang. Mein Begleiter und ich amüsierten uns aber trotzdem. Aber eben auf andere Weise. Man konnte ja derweil ein wenig in die Gesichter der Menschen schauen die Hinter uns saßen und manche von ihnen lächelten tatsächlich, das amüsierte mich durchaus. Meine beiden Mädels waren voll dabei, der Film traf genau ihren Geschmack. Durch ihr herzhaftes Lachen forderten sie auch manchmal meine strenge Miene heraus, auch das freute mich.
Ich habe jetzt aber -warumauchimmer- ein schlechtes Gewissen, dass ich es nicht tat. Das ich mich also nicht über diesen Film amüsieren konnte. Ich habe mich aber redlich bemüht, das muss reichen. Und irgendwie bin ich ja trotzdem froh, den Film gesehen zu haben, denn schließlich ist es wohl DER Film, über den unsere Bildungszielgruppe in den Seminaren im August sprechen wird. Ich kann jetzt mitreden. Super, ich weis nur noch nicht, ob ich da wirklich unbedingt mitreden möchte. Aber jetzt könnte ich ja, wenn ich denn wollen würde.

Ich schwor mir aber, den Versuch zu starten und nicht mehr ganz so humorlos zu sein und auch mal was flaches witzig zu finden. Das ist ja auch anstrengend für die, die es witzig finden, immer mit so ner political correctnes Keule unterwegs zu sein und ich sollte sogleich die Möglichkeit dazu bekommen. Heute morgen erhielt ich eine Kettenmail.
Eine ausgesprochen nette.

Hallo an die acht Frauen,
ich wurde aufgefordert, 8 Frauen auszuwählen, die ich in meinem Leben kenne und die mein Leben auf irgendeine Art bereichert haben!
…..und da bist Du auf alle Fälle dabei!!!! 
Normalerweise mache ich an solchen Aktionen nicht mit, aber in diesem Fall fand ich es sehr schön.
Ich denke, wenn diese Gruppe von Frauen beisammen wäre gäbe es nichts was unmöglich wäre. Ich hoffe, dass ich die Richtigen ausgewählt habe.
Bitte schick mir diese Mail zurück.
Bitte denk daran, Dir etwas zu wünschen, bevor Du das Zitat liest.
Das ist alles, was Du tun musst.
Man muss nichts anhängen. Es reicht diese Mail an 8 Frauen weiterzuschicken und mich wissen zu lassen, was am 4. Tag passiert.
Versuche, die Kette nicht zu unterbrechen. Bitte wünsche Dir etwas von Herzen, bevor Du das nachfolgende Zitat liest. Hast Du Dir etwas gewünscht?
Wenn Du Dir nichts gewünscht hast, bevor Du das Zitat liest, funktioniert es nicht.

Zitat:
“Möge heute Frieden in Deinem Inneren sein. Mögest Du darauf vertrauen, dass Du genauso bist, wie Du gemeint bist.
Mögest Du nie die unendlichen Möglichkeiten vergessen, die aus dem Glauben an Dich selbst und an andere geboren werden.
Mögest du die Gaben nutzen, die du bekommen hast und die Liebe weitergeben, die Du empfangen hast.
Mögest Du mit Dir selbst zufrieden sein, so wie Du bist.
Möge sich dieses Wissen in all deinen Knochen in Dir festigen und Deiner Seele die Freiheit erlauben zu singen, zu tanzen, zu loben und zu lieben.
Nun sende dies an 8 Frauen oder mehr in den nächsten 5 Minuten und denk daran, es mir zurück zu schicken. Ich zähle als 1. Du wirst sehen warum.

So’n scheiß, wer kommt den auf die Idee, dachte ich zunächst. Kettenmails sind sowas von 90er und nervig. Aber dann dachte ich an meinen Vorsatz, ein wenig massentauglicher zu werden und was ist denn bitte Massentauglicher als Kettenbriefe?

Was solls, dachte ich, wünschte mir was, kam mir bescheuert vor und versendete das ganze an acht arme Menschen meiner Wahl. Sogleich erhielt ich die gleiche Mail erneut. Ich war weder glücklich noch genervt. Es war ja eine nette Nachricht. ich erhielt sie bisher fünf mal zurück und von einer Person eine andere Nachricht.

“Liebe Blitz, du weist, dass ich dich gerne habe, aber son Kettenscheiß war noch nie was für mich und ich werde einen Teufel tun, unter meinen Freundinnen eine Elite von acht Menschen zu erheben.”

Und da wusste ich wieder, dass ich mich so wie und wer ich bin doch schon ziemlich gern hab. Ich bin halt nicht Massentauglich und genau das ist, was ich an mir schätze – und andere wohl auch.

das kleine, rote Rechteck

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„Ich möchte ein Teil von dir sein.“ Sagte das kleine, rote Rechteck zum großen, roten Kreis und schmiegte sich an seinen Rand.
Dieser war einverstanden grummelte aber sogleich, da aus seinem sonst runden Rand eine der vier Ecken des Rechtecks hervorstach.
„Das muss rund sein.“ forderte der große Kreis.
Das Rechteck versuchte mit aller Kraft sich rund zu machen. Doch wie es sich auch drehte und beugte, ragte immer zumindest eine Ecke aus dem Kreis hervor.
„Geh in meine Mitte.“ schlug der große Kreis vor. Und das Rechteck trappelte in die Mitte des Kreises.
Doch wie es sich auch bemühte, es konnte nun nicht mehr über den Rand blicken.
„Das muss auch anders gehen“, sagte das rote Rechteck zum Kreis und stellte sich wieder an den Rand, sodass eine Ecke hinausragte.
„So bin ich aber nicht mehr rund,“ sagte der Kreis, „stell dich wieder in die Mitte“.
„Aber dann bin ich kein Rechteck mehr und ich sehe nicht, was um uns herum geschieht“ sagte das kleine, rote Rechteck traurig.
Der große Kreis aber verstand das Klagen des Rechtecks nicht. „Ich kann dir ja erzählen, was um uns herum geschieht. Ich bin schließlich viel größer als du und sehe viel mehr.“
Das kleine Rechteck aber wollte selbst sehen, was in der Welt geschah und es nicht erzählt bekommen.
„Du wolltest doch ein Teil von mir sein.“, sagte der Kreis.
„Ja,“ sagte das kleine rote Rechteck, „aber nicht um diesen Preis.“ und es stellte sich neben den großen, roten Kreis.

Heimat

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Ich bin sehr viel weg. Also nicht da wo ich eigentlich wohne. Das hat viel mit praktischen Gründen, ich wohne ja ein wenig am Stadtrand (also eher darüber hinaus), aber auch mit ehrenamtlichen Engagement zu tun. Nun kann ich, wie ich ja in Fernweh bereits thematisiert habe, wenig mit geograpphischen Grenzen anfangen.
“Freust du dich nicht, mal wieder in der Heimat zu sein?” werde ich manchmal gefragt. Ich versuche mein diesbezügliches Gefühl zu analysieren. Ich freue mich natürlich auf mein Kissen und meine Dusche und meine Toilette, aber ich habe viele davon. Manche in Berlin, andere in Hessen, Baden Württemberg, Polen, Toronto und, und, und.
Kurz gesagt eben: viele Heimaten.
Heimaten, das Plural existiert aber nicht. Die Sprache kennt nur eine Heimat. Ich aber eben nicht.
Treffend umschrieb es ein ehemaliger Bekannter von mir, wenn es um Heimat ging. Er sagte und da schließe ich mich an:
“Heimat ist da, wo das Klo auf dem man sich zu scheißen getraut nicht weit ist.”
Und meine Schmerzgrenze ist da mitlerweile sehr weit. Ich bin eben Supranational.

Gedanken an die Küche

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An manch Gewürz haben wir schon gerochen,
um dann mit Perfektion zu glänzen.
Mit vielen Löffeln tausend mal hinein gestochen
bis keine fahle Note – Keine Spitzen
die Kreation begrenzen

Doch eines dürfen wir dabei niemals vergessen:
Es wird sooft zu heiß gekocht
und kalt dann doch gegessen
und wird die Suppe die wir heute kochen
morgen wegen Mängeln schon erbrochen.

Uns bleibt bei Zeiten zu begreifen:
über Geschmack, lässt sich nicht streiten.
Ganz anders gar, verhält sichs mit perfekt,
das hat schon immer jede* neu für sich entdeckt.
Und ists auch ein zähes, manchmal altes Allerlei,
erst viele Köche und auch neue machen unsren Brei.

wunderschöne Karrierefrauen

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Ich habe meine praktischen Genderbedürfnisse befriedigt. Ich bin zu einer Freundin gefahren und wir haben Kosmetika eingekauft. Dann haben wir gegessen und ein Glas Weiswein getrunken und gesprochen, über unsere Pläne und Schwierigkeiten. Über das was bald kommt, nach dem Studium und dass es ja eigentlich schon da ist, das Gefühl der neuen Lebensphase. Andere heiraten und kriegen Kinder, wir nicht. Aus gutem Grund, haben wir doch nicht umsonst studiert und wir haben ja noch so viel Zeit. Erst die Karriere.
Wir wollen uns jünger fühlen, wir kaufen uns Haarfarbe, die unsere grauen Haare verdeckt und belebende, verjüngende Tote-Meer-Masken. Wir verbringen Stunden im Bad, färben, feilen, trinken Wein, maskieren und föhnen.
Wir lachen und machen Fotos.

Das Telefon klingelt. Ich gehe dran und rede vom Wunderschön-sein und davon, dass ich grade eine Tote-Meer-Maske auf habe und es mir gut gehen lasse.
Und er fragt. “Wenn du also weisst, dass du wunderschön aussiehst, warum hast du dann eine Tote Meer Maske aufgelegt?”

Wer im Glashaus sitzt … ja wer?

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Ich wusste nicht wie mir geschah,
fühlte ich mich ganz gläsern zwar,
doch sah man mich als Stein.
Und Glas-Häuser zu brechen,
sollte mein Ziel gar sein.

Ich wollte weder kalt noch steinig sein.
Noch grau noch angsterregend.
Ich wollte flauschig weich und warm,
und ohne Aufsehen zu erregen
im Glashaus mich bewegen.

Ich wünschte mich zum Watteball
und wurden flockig leicht.
Das Glas wo es denn rissig war,
polierte ich sogleich.

Ich saß ganz wattig, weich und weis,
ganz locker leicht
inmitten harten, transparenten Nichts
das mich durchleuchtete.

Ich fragte mich wie man sich fühlte.
Legte ich dieses zu schnell brach,
Auf dass die Härte wühlte?

Und als ich sicher war nie wieder anzuecken
und keinen neuen Riss zu reißen,
begann das Glashaus mich,
mit Scherben zu beschmeißen.

So aktuell so wahr, ist das Ziel dieser Verse
euch mut zuzusprechen,
wo euch die Scherben treffen

Der Feind des Gesellschaftlichen

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Fast unbemerkt bewegte er sich zwischen ihnen umher. Sein kleiner, schmaler Körper stand zumeist an einer Maschine, deren Aufgabe es war, den Reinigungsvorgang zu überwachen.
Seine Aufgabe war es, auf die Maschine zu starren und den Vorgang wiederum zu kontrollieren.

Die Blicke des Vorabeiters, ein großer, breiter Mann hatten sich in seinen Rücken gefressen. Er war sich dessen stets bewusst, wandte seine zu schmalen Schlitzen gekniffenen Augen nicht von der Maschine, während seine spitzen Lippen einen dünnen Bogen zeichneten. Sie hatten einst viel gemeinsam. In manchen Morgengrauen schon, hatten sie sich vor dem Betriebstoren die Beine in den Bauch gestanden und Flugblätter verteilt, gegen die da oben.Sie führten Gesprächen mit Abteilungsleitern und Mitarbeitern. Sie ließen Mitgliedsformulare ausfüllen und rote Fahnen austeilen. Der Kleine kam als erster und ging als letzter. Er nahm an allen Sitzungen teil und wies lauthals Kollegen zurecht, die von der Linie wichen.  Sie mussten wissen wo man steht, wenn man eine rote Fahne trägt. Doch der Vorarbeiter war am schlimmsten, denn er gehörte nicht zu ihnen. Sie alle folgtem ihm, weil er groß war und weil sie es nicht anders gewohnt waren. Er stand nicht an einer Maschine, sondern über ihnen und deshalb konnte er doch nicht eine Fahne tragen wollen. Das hatte ihm der Kleine oft erklärt. Sie hatten sich manche Abend deswegen gestritten. Dann haben sie den Kleinen schließlich machen lassen, wie er wollte, bis bald kaum jemand mehr geblieben war.

Schließlich aber wollte der Vorarbeiter nicht mehr. Er hatte zu einer Versammlung in die Kneipe am anderen Ende der Straße in der auch die Fabrik stand geladen, wo auch andere Gewerkschafter hinkamen.
Sie müssten gegen die Bosse vorgehen, das sei klar, hatte er gesagt. Aber mit Bedacht und mit Vorsicht. Nichts überstürzen und abwarten, bis sie einen Fehler machen und nicht all ihr Pulver jetzt schon verschießen. Die meisten stimmten ihm zu, einige waren unschlüssig. Der Kleine jedoch lächelte abwesend in die Runde. Er wollte nicht abwarten. Verräter waren sie, allesamt. Verräter der Arbeiterklasse. Und der größte von allem war er. Ein Vorarbeiter eben. Das hatte der Kleine ihnen dann noch am selben Abend vor Augen geführt. Manche hatten ihm zugehört.

Der Kleine hatte sich am nächsten Tag dann alleine an das Tor gestellt und hatte ihre Flugblätter verteilt über die Lügen der großen Bosse. Dies hat man ihm dann am Abend in der Kneipe vorgehalten. Er verstand nicht, wie sie gemeinsame Sache machen konnten, mit denen da oben. Man musste doch jetzt was dagegen tun. Jetzt zur Not auch mit einer Handvoll.
Sie nannten dies Alleingang und überstürzt und baten ihn zu gehen. Er hatte getobt. Er hatte sie angeschrien, dass seine Stimme sich überschlagen hatte und er hatte ihnen vor Augen geführt, wie viel Schuld sie alle trugen. Er als einziger trug Flugblätter.

Die ganze Nacht saß er alleine in der Druckerei und bediente die Maschinen, bis seine Hände von Papierschnitten und Druckerschwärze dunkelrot-schwarz zerfurcht waren. Dann stellte er sich erneut alleine an das Tor und verteilte die Wahrheit. Irgendjemand musste ja die Wahrheit verteilen. Über ihre Lügen, das Komplott der Bosse und reaktionären Vorarbeiter und Pulver das nicht verschossen werden durften auf mögliche Karriereleitern. Strategische Sprossen waren ihm fremd.

Deswegen stand er alleine ein für die Bewegung. er schrieb, er bewarb, er druckte und verteilte die Flugblätter. Bis sie schließlich keiner mehr las.

Abend für Abend saß der Kleine in der hinteren Ecke des Trresenraumes am anderen Ende der Straße und wartete. Bald schon würden Frische Kommen. Es kamen immer Frische in die Fabriken. Und er wartete geduldig, wie er es schon immer getan hat. Er würde sie begrüßen und ihnen alles erklären. Er würde ihnen ein Bier ausgeben und sie würden seine Flugblätter lesen.

Er spürte den Blick des Vorarbeiters, die darin liegenden in Schuldgefühlen gewaschene und daher geschwächte Wut in seinem Rücken. Der Kleinen fühlte keine Schuld. Sie alle hatten ihn dazu gezwungen, ihm keine Wahl gelassen mit ihrem reaktionären Geschwätz und dem Spiel auf Zeit. Sie würden Mitleid haben und Wut im Bauch auf den Vorarbeiter.  Er würde sie einweihen und sie würden einen neuen Tisch gründen. Die Frischen würden ihm wieder Aufgaben anvertrauen. Später bestimmt auch wieder Flugblätter. Eine tragende Rolle. Er würde mit seinen schmalen Lippen einen feinen Bogen über seinem Kinn zeichnen und wissen, dass er ihnen überlegen war. Ganz ohne Schuld und Mitgefühl eben.

Der Kleine lächelte.

Der Feind des Gesellschaftlichen lebt von den wachsamen Blicken der Alten und dem Tatendrang der Frischen.

Im Dialog – der* Zweitklassepatient*in

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Eppendorf-Ärzte können nix, mensch wird von oben herab behandelt und muss in den Wartezimmer länger verweilen als die privatversicherten Einheimischen ohne Termin und Beschwerden. Bei tatsächlichen Erkrankungen erhält man eine Überweisung ins Krankenhaus, wo mensch gefragt wird, warum das jetzt stationär und nicht in der ambulanten Polyklinik abgeklärt werden soll. Fragen sie nicht mich, fragen sie den Eppendorf-Neurologen, denke ich, nehme aber ihre Kritik auf meine Kappe und schäme mich. Ein Privatpatient wäre das bestimmt nicht gefragt worden und hätte sich nicht geschämt.
Dieses Mal soll alles anders laufen. Ich werde nicht ins Krankenhaus gehen, ich werde nicht ins UKE schwanken und vor allem lasse ich mich nicht verrückt machen. Ich sitze das zu Hause aus und lasse mich privat betütteln. Im Einzelzimmer. Fast wie ein Privatpatient eben, aber nur fast.
Also will ich mich von einem Altona-Neurologen weiterbehandeln lassen, den mir mein Hausarzt empfohlen hatte. Nachdem ich alle Fragen zu Krankenkasse, Hausarzt und nach einer vorhandenen Überweisung beantwortet hatte und unwiderruflich als Zweitklassenpatientin entlarvt wurde, erhalte ich einen Termin in zwei Wochen.
Nach zwei Wochen komme ich schließlich zur Ärztin. Sie ist nett und wirkt kompetent. Aber so genau kann mensch das auch erst im Nachhinein sagen. Ich hüpfe also im Sprechzimmer umher, mal mit offenen, mal mit geschlossenen Augen und stelle mir vor, wie bescheuert das Ganze für Außenstehende aussehen muss. Natürlich sind meine Beschwerden in diesem Zeitraum besser geworden. Ich freue mich darüber. Die Neurologin nicht.
„Warum kommen sie erst jetzt?“, will sie wissen. Ich bin verwirrt, hatte ich einfach vorher keinen Termin angeboten bekommen. „Das nächste mal kommen sie dann ohne Termin vorbei.“, sie blickt mich eindringlich an. Auf die Idee bin ich, ganz meiner gesellschaftlichen Stellung bewusst, gar nicht gekommen.
Und ist das nicht genau das, warum dieses Scheißsystem funktioniert.

Eppendorf-Schubladen-Menschen

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Haynstr. 1 in Hamburg Eppendorf

Meine Eppendorf-Schublade ist voll von Bildern zu Menschen.
Menschen, die viel Zeit haben, aber deren Status mit niedrigeren Wartezeiten im Alltagsgeschäft wächst. Meine Eppendorf-Schubladen-Menschen sind daher ständig im Streß. Zumeist Freizeitstreß.
Im Wartezimmer eines Orthopäden in der Eppendorfer Landstraße sitzen dennoch nervös zappelnde Eppendorf-Menschen, die ab und an an die Theke stürmen, um in harten Ton eine Möglichkeit zu verhandeln auf der Warteliste nach oben zu rutschen. Man ist schließlich wichtig.
Die jahrelang erlernte Rethorik, welche von Selbstüberzeugung strotzt und mit kaum hörbaren, jedoch zielsicheren Spitzen im freundlichen aber bestimmten Ton, rutschen sie Wort für Wort nach oben,vor die schmerzgeplagten, aber geduldigen Zweitklassenpatienten.
Spitzlippig und unaufhörlich zappelnd verfolgen sie sichtlich überforderte Student*innen aus billigen, kommunenartigen Wohnarrangements in der Nachbarschaft ihrer Eigentumswohnung, beim kalkulieren des sonntäglichen Brötchenbedarfs beim ansässigen Bäcker und lassen hier und da ein Räuspern verlauten, um zu signalisieren, dass sie immernoch warten.

Eppendorf-Schubladen-Menschen ärgern sich grün über nicht grün werdende Ampeln, langsame Kassiererinnen, zwei Stunden alten Fisch und darüber, dass sie in einem Restaurant, das wochenlang im Voraus ausgebucht ist, bei einem Spontanbesuch lediglich den Katzentisch erhalten.
Sie sehen wunderschön aus, trotz des alltäglichen Ärgerns. Perfekte, sportive, gesunde, wenn auch rauchende Körper in wunderbaren Stoffen und wohl sitzenden Anzügen. Sie haben Zeit und die nötigen Mittel für Kosmetiker*in, Friseur*in, Fitnesstudio, Urlaub, Kultur und Kinderbetreuung.

Ich verbringe viel Zeit in Eppendorf. Ich flaniere nicht, ich hetze, da ich nicht auffallen möchte.
Aber gestern da hatte ich dann genug vom Hetzen und Rennen und meine schmerzenden Füße zwangen mich zu einem spontanen Spaziergang von Haltestelle zur Zielort.
Und da kaum hörbar beginne ich zu summen. Mir ist einfach danach. Das angenehme Klima des aufbegehrenden Frühlings und der für Hamburg ungewöhnlich milde Wind tragen mich förmlich die von wunderschönen Altbauhäußern flankierten Straßen entlang. Aus dem leisen Summen wird ein lautes, bis ich mich schließlich beim Pfeifen ertappe. Eine bekannte Melodie, deren Text und Titel mir, so sehr ich mich auch anstrenge nicht einfallen möchte. Man macht einen großen Bogen um mich beim Überholen. Typisch Eppendorf-Menschen.
Wie zum Trotz werden meine Schritte mit jedem Ton weicher, ich schwebe langsam und kraftvoll pfeifend die Straßen entlang.

Da, grade als ich im Begriff bin in die Haynstraße einzubiegen im Eckhaus, der Haynstraße 1, ein Fenster im Erdgeschoss gekippt. Erschrocken blicke ich auf, und mein Pfeifen wird leiser, bis es schließlich verstummt. Ein grauhaariger großer Mann mit Bart strahlt mich über seine Brille an. Seine rechte Hand hält noch den griff seine linke hat er zur Faust erhoben. Und da fällt mir der Text des Refrains, den ich Eppendorfs Straßen unbewusst entgegenpfiff schlagartig ein.

„So flieg, du flammende, du rote Fahne,
voran dem Wege, den wir ziehn.
Wir sind der Zukunft getreue Kämpfer,
wir sind die Arbeiter von Wien.“

Und als ich versuchte diesen Menschen in meine Schublade einzusortieren, bin ich auf diesen Artikel gestossen und habe den Herrn erkannt.

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/haynstrasse-1-hamburg-hausbesetzer-mit-grauen-haaren-1490433.html

http://www.hayn-hegestr.de

Veranstaltungsankündigung: Das Märchen von der Arbeit 11.-13.Mai Naumburg

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»Wer Brot essen will, der muss es auch verdienen.« Dieser Satz
prägte nicht nur die Karriere von Aschenputtel, welche von
ihrer Stiefmutter und ihren Stiefschwestern zur Arbeit gezwungen
wird, während sich diese am Hofe amüsieren.
Er spiegelt auch die gesellschaftlich vorherrschende Meinung wider.
Aschenputtels demütiger Fleiß erlöst sie schließlich aus ihrem Elend
und ermöglicht ihr die Heirat mit dem Prinzen, auf dass sie fortan nie
wieder einen Finger rühren muss. Schön für Aschenputtel, aber was
heißt das für alle anderen?

In diesem Seminar werden wir uns fragen, welche Bilder von Arbeit
uns durch Märchen vermittelt werden, welche Funktion Märchen einnehmen
und was an Stelle dieses Arbeitsbegriffes stehen könnte.
In märchenhafter Atmosphäre werden Märchen spielerisch oder theoriebasiert
interpretiert und Rückschlüsse auf gesellschaftliche Verhältnisse
gezogen.

Du hast bereits das gesellschaftspolitische Grundlagenseminar der
ver.di Jugend besucht oder dich auf andere Weise mit Gesellschaftsanalyse
auseinandergesetzt und möchtest Dich jetzt intensiver mit
dem Arbeitsbegriff befassen?

Herzlich willkommen!

Freitag, 11. Mai 2012 um 18:00 bis Sonntag, 13. Mai 2012 um 13:30.
in der Verdi Jugend Bildungsstätte in Naumburg

Anmeldung aus anderen Bundesländern und Fremdgewerkschaften mit Absprache möglich.

Anmeldung:

Sexpertinnen am 8. März

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Heute habe ich weder eine rote Rose erhalten noch eine verteilt.

Neben der vollen Kaffeekanne lag lediglich ein gelber Zettel aus dem kunterbunten Zettelkasten auf dem in krakeliger Schrift „Genieß DEINEN Tag“ stand. Unbeteiligt. Der Rest des Jahres gehört mir ja nicht. Nur eben dieser eine Tag. Und das hat mich so richtig aufgeregt.

Ich verspürte sofort das Bedürfnis etwas zu tun.

Ich setzte frischen Kaffee auf, holte die “Interim” hervor und drehte Amanda Pallmer auf, bis der Nachbar gegen die Wand klopfte. Dann ging ich raus, den Kopf frei kriegen. Ich ging zu Schlecker, um den Kolleginnen zu ihrer wunderbaren Arbeit zu gratulieren, während ich glitzerpinken Nagellack kaufte, warum auch immer. Ihre irritierten Blicke nahm ich zwar zur Kenntnis, sie vermochten jedoch meine im inneren ablaufende Stilisierung meinerselbst zur 8.3.-Heldin nicht zu unterbinden. Mit glitzerpinken Nagellack. Und ab morgen mache ich dann jeden Tag Frauentag und kaufe nur noch bei Schlecker und schenke Mitarbeiterinnen rote Rosen.

Pikiert aber rechtschaffend lese ich mit glitzerpinken Nägeln und frischem Kaffee die Nachrichten und hänge mich an einem Interview in der TAZ auf, mit Sexpertin Laura Méritt () auf.

An unserem „Besonderen Tag“ sprechen wir hier über SM und konsensual gelebte Vergewaltigungsfantasien. Über selbstbestimmte Frauen und über das nicht hinter die Kulissen schauen. Konstruktion statt Dekonstruktion eben. Hierarchiefrei da Hierarchiebewusst.

Ich erachte die Enttabuisierung in allen Bereichen als Sinnvoll. Jedoch stimmt die Reihenfolge hier nicht. Solange im heterosexuellen Miteinander weibliche Unterwerfung eben als sexy gilt, kann es sich dabei nicht um ein hierarchiebewusstes Miteinander halten. Denn wer bestimmt, was die Kunst der Unterwerfung ist?!

Doch sollten wir uns hier nicht die Frage stellen, ob diese individuellen Unterlegenheits-Bedürfnisse nicht Teil der praktischen Genderbedürfnisse erfüllen, bevor wir einen strategischen Zielpfeiler der „Norm“alität errichten?

(Achtung, gnadenlose Übertreibung:) Strategisches Ziel einer heteronormativen Partnerschaft also ein emotional gebildeter Partner, der seine Partnerin auf Wunsch am 8.3. zur Feier des Tages überfällt und vergewaltigt? Wer glitzerpinken Nagellack trägt, hat es anders nicht gewollt?

Und ich freute mich dann doch über meinen stillen, hierarchielosen Zettel.

Präsidiabel?

Immerwieder unterläuft mir der Fehler den Informationsgehalt des Öffentlich Rechtlichen überzubewerten. So zum Beispiel auch gestern. Da habe ich dann den Presseclub laufen lassen, mehr oder weniger nebenbei.
Hugo Müller-Vogg (Publizist bei BILD), Ines Pohl (Chefredakteurin taz), Christoph Schwennicke (Politischer Autor, Spiegel), Heribert Prantl (Ressortleiter Innenpolitik, Süddeutsche Zeitung) diskutierten dann fröhlich, wer nach Wulf in Frage kommt und über eine mögliche rein weibliche Führungsrige.
Zuschauerinnenbeitrag: Also eine rein weibliche Spitze, das fände sie ja nicht gut. Das sei nicht gut für Deutschland.

Jahrzehnte andauerndes Männerduo, das hatte die Zuschauerin nicht gestört, aber so eine rein weibliche Führung, das geht ja nicht. Da lassen wir uns dann lieber was vorgauckeln.

Dann haben wir mit Gauck und Merkel wieder das Duo maskuliner Führung.
Ich war wenig überrascht, habe dann aber die Petition unterschrieben für Wulff als neuen Bundespräsident.

Hier ein paar Gedanken zum Amt des Bundespräsidenten, von Jutta Ditfurth:

Präsident Gauck – der Prediger der verrohenden Mittelschicht

Mit Christian Wulff hat sich die politische Klasse eines lästig geworden kleinbürgerlichen korrupten Aufsteigers entledigt, während die viel größeren Geschäftemacher der Parteien weiter ungestört ihren Interessen nachgehen können.

Um die Peinlichkeit zu übertünchen, wurde nun Joachim Gauck, der Prediger für die verrohende Mittelschicht gerufen. Dass CDU/SPD/FDP und Grüne ihn gemeinsam aufstellen verrät uns, dass uns noch mehr Sozialstaatszerstörung, noch mehr Kriege und noch weniger Demokratie drohen. Einen wie ihn holt man, um den Leuten die Ohren vollzuquatschen.

Gaucks neoliberales Verständnis von Freiheit als Freiheit des Bourgeois, schließt soziale Menschenrechte aus. Von sozialer Gleichheit als Bedingung wirklicher Freiheit versteht er nichts. Mit der Agenda 2010 und ihren brutalen Folgen ist er sehr einverstanden, für die Betroffenen und ihre Proteste hat er stets nur Verachtung. Kritik am Kapitalismus findet Gauck lächerlich. Die Entscheidung zur Begrenzung der Laufzeit von AKWs gefühlsduselig.

Dem Krieg in Afghanistan hat Gauck die Treue gehalten, denn auch dieser Christ ist ein Krieger. In der Vertriebenfrage ist der künftige Bundespräsident ein Kumpan von Erika Steinbach und hat Probleme mit der polnischen Westgrenze. Was er von Demokratie und Humanismus hält, verrät er, indem er für die Verfassungsschutzüberwachung der Linkspartei eintritt und den Ideologen des Rassismus der Mitte, Thilo Sarrazin, “mutig” findet. Hat jemand je eine scharfe und überzeugende Kritik an Nazis von ihm gehört? Fremdenfeindlichkeit kann er verstehen, aber er schätzt es nicht, »wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird«.

Gauck ist ein Anhänger der Totalitarismusideologie, der Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus. Mit seiner Aufstellung als Kandidat bekennen sich CDU/SPD/Grüne und FDP zu dieser unerträglichen reaktionären Weltsicht. Der Kandidat und die vier ihn aufstellenden Parteien passen zu einander.

P.S.: Das Amt des Bundespräsidenten ist überflüssig, ein feudales Relikt für obrigkeitsgläubige Deutsche.

Jutta Ditfurth, Autorin und Soziologin

Fernweh. Woanders hin eben

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Alle reden sie von woanders. „Ich will woanders hin. Hier ist ja das Wetter scheiße und die Musik. Die Menschen sind auch so kühl. Und sehen immer gleich aus. Das Mädchen mit dem roten Regenschirm habe ich heute auch zum fünften Mal an verschiedenen Ecken getroffen. Sie hat keinen Namen, nur einen roten Regenschirm, der sich über meine Bindehaut in meine Erinnerung gefressen hat. Beim sechsten Mal hätte ich sie nach dem Namen gefragt, soweit kam es aber dann doch nicht.”

Alle wollen sie besseren Kaffee trinken, mehr ins Theater gehen, andere Sachen machen, wenn sie dann hier weg sind. In Ontario, Berlin, Sydney, Hong Kong, New York, Bombay oder eben in Wien.

Aber wenn wir woanders hingehen, was ändert sich, außer dass wir woanders sind? Wir sind doch immer noch wir. Wir mögen dieselben Menschen, auch wenn wir vielleicht neue kennen lernen. Wir hören dieselbe Musik, wenn auch in anderen Clubs. Wir lesen dieselbe Zeitung, vielleicht in einer anderen Sprache. Wir tragen dieselbe Kleidung. Wir fragen das Mädchen mit dem roten Regenschirm wieder nicht nach ihrem Namen.

Also wollen wir woanders hin, nicht weil wir hier weg, sondern anders sein wollen. So ein Umzug ist vielleicht nicht leicht, aber eben leichter.
Bald gehe ich ja auch, woanders hin. Aber ganz ohne Fern- oder Heimweh.
Ich bin eben angekommen, egal wo.
Irgendwann werde ich dann erzählen, dass sei der Tag gewesen, an dem ich feststellte dass ich groß bin.

Persönliche Erklärung

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Ich habe mich verzogen und lange nicht gezeigt.
Ging ich zuvor noch Hand in Hand mit dem Protest,
hat man fortan dazu geneigt,
uns klar zu trennen.
Jetzt werden wir verwechselt und zusammengerührt.

Allerorten hat man mich heraufbeschwört
doch ohne meinen wahren Sinn zu nennen.
Versperrte dies dem wahren Zweck die Sicht.
Und dämpfte Antrieb derer, die mich kennen.

Aus Zufall haben manche mich zurecht gerufen.
Doch ohne jene bittre Konsequenz.
Zwei Tage, ein paar arbeitsame Wochen,
Ein bittrer Winter, gefolgt von faulem Lenz.

Am wahren Sinne, sind viele schon zerbrochen
Mit Leben unsre Freundschaft gar bezahlt.
Doch andre haben ihre Ziele sich bewahrt
im echten Kampf um Brot und Knochen
Den Antrieb hatte man sich selbst
aus blutroten Rosen errochen.

Eure verbitterten Rufe hat der Protest erhört
und ziellos stand er euch zur Seite.
Mein Auftritt entbehrte jeder Not:
Die Rosen welken und ihr nehmt das Brot,
das euch im Halse stecken bleibt.

Verzweifelt ruft ihr mich zuletzt herbei.
Ich wälze mich in Erinnerung,
nehmt doch das ziellose Allerlei.

Ich habe mich zurecht verzogen.
Der Streik

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