„Jetzt stellen sie sich schon auf das Meterband!“ schrie der Große, hörbar am Ende seines Geduldfadens angekommen.
„Hören sie nicht, was der Kollege da sagt?“ raunzte der Kleine.
Sie hatten mitten in der Nacht ihre Tür eingetreten und das Zimmer auf den Kopf gestellt. In jeder Ecke lagen Haufen aus Kleinder, vom Schreibtisch gefegten Zetteln, Büchern und auch Fotos hatten sie aus den Rahmen gerissen. Sie hatte mit gekrümmten Rücken dagestanden und hatte zugesehen, während der Kleine ihre Sachen – Wäsche, Erinnerungen, Briefe, Urlaubsfotos und Lesezeichen – aus den Fächern und Regalen riss und der Große sie mit festem Griff am Ellbogen hielt. Und nun starrten und schrien sie sie beide abwechselnd an.
„Junge Frau, jetzt machen sie uns das Leben nicht so schwer. Stellen sie sich doch auf dieses verdammte Meterband.“, wiederholte der Große seine Aufforderung in einem bemüht väterlichen, aber erhobenen Ton.
Der Kleine hatte zuvor die aus den Kleiderschränken gerissene Kleidung mit einer gekonnten Fußbewegung auf einen Haufen befördert und auf der freien Fläche ein breites, in zehn Abschnitte unterteiltes Meterband ausgerollt.
Sie tat einen Schritt auf das Band zu.
Der Große atmete erleichtert auf. „Sehen sie, junge Frau, so kommen wir doch ins Gespräch.“
Sie starrte ihn an. „Na, nicht wieder stehenbleiben!“, seufzte er und mit erhobener doch zur Ruhe gezwungener Stimme, erklärte er mithilfe abrupter Handgesten: „Rechts sehen sie die Null, das ist ganz schlecht, ja?“
Sie nickte und seine Stimme gewann an Fassung. „Links, junge Frau, da sehen sie die Zehn. Das ist dann sehr gut.“
„Das ist doch ganz einfach, nicht?“ fügte der ungeduldig zappelnde Kleine Hinzu. „Sie stellen sich nun dahin, wo sie denken, dass es angebracht ist, unter diesen Umständen.“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Menschenskinder! Von eurer Sorte habe ich ja die Nase aber gestrichen voll.“ wetterte der Kleine aufgeregt zappelnd.
Der Große aber bedeutete ihm mit einer ruhigen Handbewegung zu schweigen. „Nun, wir wollen sie doch nicht zwingen.“ Der Große strich seine dunkle Uniform glatt und musterte sie erneut von den Haaren, über den verknitterten Flannelpyjama bis zu den Füßen. Sie aber stand regungslos da und Blickte von einem zum anderen. Dann Griff der Kleine nervös in seine Brusttasche, zückte einen schwarzen Notizblock, blätterte einige Seiten nach vorne und begann laut zu formulieren. Er schrieb jedoch nichts hinein.
„Auch auf die letzte Frage, weigert sich die Verdächtigte uns Auskunft zu erteilen. Wir empfehlen folglich die Aufrechterhaltung der Ermittlungen.“ Er senkte den Notizblock und fing ihren zerstreuten Blick. „Sie wollen doch nicht, dass ich das schreibe, oder?“
Der Große schüttelte prophezeiend den Kopf.
Sie ließ ihren Blick über die Kleiderberge, Fotos und wild zerstreuten Bücher zum Metermaß auf dem Boden wandern, auf dem zehn Abschnitte deutlich abgetrennt waren. Langsam schüttelte sie den Kopf und blickte ratsuchend zum Großen.
„Gut junge Frau, wir wollen ja nicht so sein. Ich lese es ihnen noch ein letztes Mal vor.“ Sagte er versöhnend, erhob sein Klemmbrett und begann von dem Stück Papier vorzulesen, was er darauf festgemacht hatte.
„Sie wurden im Rahmen eines vom Verteidigungsministerium entwickelten Programmes als Testerin unseres neuen Konzeptes für Präventionsmaßnahmen ausgewählt. Wir versichern ihnen, dass alle ihre Daten anonymisiert ausgewertet und nach Ablauf einer Frist von 10 Jahren, sofern in diesem Zeitraum keine Anzeige gegen ihre Person vorliegt, von unseren Zentralservern gelöscht werden. Bitte stellen sie sich nun für ein Dokumentationsfoto auf die von den Beamten zur Verfügung gestellte Bewertungsskala.“ Er machte eine Kunstpause und deutete mit flacher Hand auf das auf dem Boden ausgebreitete Meterband.
„Auf einer Skala von 0 bis 10,“ fuhr er fort, „wie zufrieden waren sie mit der Durchführung der Gesamtmaßnahme. Bitte beziehen sie das bei ihnen entstandene Sicherheitsgefühl und die Freundlichkeit der durchführenden Beamten“ er strahlte über das ganze Gesicht, „in ihre Bewertung mit ein.“